Wir werden, trotz des langen Abend, früh wach. Das ist jetzt die Aufregung. Der Wahltag, so habe ich es mir angwöhnt, gehört erst einmal uns zum Luftschnappen. Marion und ich machen dieselbe Wanderung im Schwarzwald wie auch am Wahlsonntag 2002 und 2005: vom Notschrei zum Ausflugslokal Knöpflesbrunnen und zurück, etwa 16 km. Das Wetter ist herrlich - und deshalb wird es eine Art Schaulaufen: Jeder erkennt uns, lächelt, tuschelt oder wünscht alles Gute, auch am Knöpflesbrunnen mit seiner wunderbaren Sicht, an guten Tagen bis zu den Alpen. Wir reden viel, natürlich über den Wahlkampf. Die Bewegung tut gut. Aber unten, in Freiburg, erwartet mich noch eine Pflicht. Die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde widmet ihre 37. Jahreskonferenz dem Thema Mobilität - und das in der Freiburger Universität. Sie hatten mich schon vor Monaten um ein Grußwort gebeten, das ich gut vorbereitet in der dicht besetzten Aula abliefere. Die meisten Zuhörer kommen von weit her.
Mein Freund Michael Müller, Bundestagskollege und Staatssekretär im Umweltministerium, ruft an. Er ist sich sicher, dass er nicht mehr rein kommt, was mich völlig schockiert. Er kennt letzte Umfragen.
Seine düstere Ahnung bestätigt sich um 18 Uhr mit den ersten Prognosen. Die CDU verliert leicht, die SPD katastrophal, die FDP wird so stark, dass es an Schwarz-Gelb keine Zweifel mehr gibt. Ich sehe in Frank-Walter Steinmeiers erstaunlich gefasstes Gesicht, als er von einer "bitteren Niederlage" für die SPD spricht. Mit einem Blick auf die Sendungen mache ich mir ein paar Notizen, für später. Eine lange Liste derer, denen ich zu danken habe, liegt schon vor mir. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ich selber vor die Kameras muss, beim Südwestrundfunk. Es ist jedesmal dasselbe Dilemma: Die eigenen Leute warten bei der Wahlparty in der Blau-Weiß-Sportgaststätte auf mich, aber die Sender halten mich fest. Erst kurz bevor wir dort hinfahren, fragt Marion bei unserem Vertreter im Landratsamt, wo Freiburg ausgezählt wird, nach den Erststimmen. Nach den ersten Hochrechnungen dachte ich, das Direktmandat ist jetzt gelaufen - bei so einem Erdrutschverlust von mehr als 11 Prozent! Aber ich habe mich geirrt. Die Auszählung ist noch nicht durch, aber ich liege vorne. Das wird dann im Studio zur Gewißheit. Das landesweite Ergebnis läßt aber zunächst keinerlei Freude bei mir aufkommen. Ich kann jetzt weder lachen noch strahlen. Das Interview läuft ab wie ein Film. Der einzige Scherz, den ich mir erlaube, ist, dass ich erst dem SCF Freiburg zu seinem 3:0 Sieg über Mönchengladbach gratuliere, und dann erst den Wahlsiegern. Alle lachen.
Jetzt kommt ein schwieriger Gang, der zu den enttäuschten Genossen, Helfern und Freunden im Blau-Weiß. Mittlerweile ist es halb Zehn. Viele stehen draußen und warten auf Marion und mich. Als erstes umarmt mich Bürgermeister Ulrich von Kirchbach. Alle klatschen, sogar sehr lange, auch als ich endlich drin bin. Man spürt, mein Direktmandat hilft, den historischen Einbruch der SPD etwas besser zu verkraften. In einer kurzen Rede beschönige ich das Ergebnis nicht, zeichne ein paar Linien für unsere neuen Aufgaben in der Opposition, beschwöre ein aus unserer Geschichte, unseren Grundwerten, Zielen und Programmen abgeleitetes Selbstbewußtsein, das jetzt nicht zerstört werden darf, und komme dann zu meiner langen Dankesliste: an die Mitarbeiter, und das erweiterte Team, an das "Junge Team" und die AG 60+, an die drei Initaitoren der Wählerinitiative "Aktion Erler direkt", an die Leute, die Testimonials aufgegeben haben, und die , die Geld gespendet haben. Vielen schüttele ich danach die Hände, sie umarmen mich, endlich kriege ich auch ein Bier - mein erstes heute Abend, aber dann leert sich der Raum schnell, was verständlich ist.
Von den anderen Parteien kommt keiner zum Gratulieren, auch nicht Kerstin Andreae (das war 2002 und 2005 noch ganz anders), aber ich bin ganz froh darüber. Der Empfang durch die Genossen wäre wenig freundlich verlaufen. Ich habe den Wahlkreis mit 33 Prozent gewonnen. Der CDU-Bewerber Daniel Sander erhält 28,8 Prozent, Kerstin Andreae 21,8 Prozent. Sie hat also ihren Stimmenanteil mit ihrer entschlossenen Erststimmenkampagne von 11 Prozent auf 21,8 Prozent fast verdoppelt - voll zu meinen Lasten, denn ich habe 12,1 Prozent weniger als 2005. Wäre sie noch etwas erfolgreicher gewesen und hätte sie mir noch weitere 4,3 Prozent abgejagt, wäre ich bei 28,7 Prozent gelandet und Sander hätte den Wahlkreis geholt, mit einem zusätzlichen Überhangmandat für die CDU aus der Stadt Freiburg, in der Rot-Rot-Grün auf über 60 Prozent kommt! Dann hätte das schwarze Männchen das rote und das grüne übersprungen. Es war ein großes Risiko, nun allerdings in einem Kontext, bei dem es darauf nicht mehr angekommen wäre. Aber das konnte vorher keiner wissen.
Ich telefoniere noch mit der lieben Kollegin Rita Schwarzelühr-Sutter aus Waldshut. Sie hat Platz 17 der Landesliste (bisher waren wir 23 SPD-MdBs aus Baden-Württemberg). Ihre Zukunft ist noch unsicher, man rechnete noch hin und her zwischen den Landesergebnissen. Sie ist aufgelöst und wird eine schwere Nacht haben. Am Morgen kommt die Gewissheit: Auch sie ist draußen, wie 75 weitere Fraktionsmitglieder und das heißt mehr als ein Drittel! Daran hängen mindestens 150 Arbeitsplätze von Mitarbeitern. Solche düsteren Überlegungen lassen sich nicht verdrängen. Nein, ich habe an derselben Stelle schon unvergeßliche Momente erlebt, wie den enormen Jubel 1998, als ich gleichzeitig mit dem rot-grünen Wahltriumph und dem Ende der Kohlära in Freiburg das Direktmandat, erstmals überhaupt in der Geschichte, erkämpft hatte. Der jetzige vierte Erfolg in Folge war hart umkämpft, hat mich auch viele Nerven gekostet. Ich werde nun wieder als Abgeordneter der Opposition arbeiten und weiß, dass ich an diesem Abend unter vielen befreundeten Verlierern noch gut, sogar sehr gut dastehe. Aber mehr als stille Genugtuung, eng begrenzt auf das Freiburger Ergebnis, will sich bei mir nicht einstellen.
Damit endet mein Bericht.